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Trauma und Journalismus
Trauma kann anstecken
Konferenzbericht 27.1.2006
Berichte vom Trauma 16.-17.10.2006
Tipps für den journalistischen Umgang mit Opfern
 

Trauma und Journalismus—eine emotionale Alphabetisierung tut Not

Trauma ist griechisch und heißt Wunde. Trauma und Journalismus – ein Thema für waidwunde Journalisten also? Für Dünnhäutige und"Weicheier", die den harten Anforderungen der Medienbranche am Endedoch nicht so ganz gewachsen sind? Irrtum. Traumatisiert werden kann jeder. Das ist inzwischen wissenschaftlich nachgewiesen. Einschreckliches Ereignis kann Berufsanfänger aus der Bahn werfen, aber auch alte Hasen mit 30 Jahren Erfahrung. Der seinem Image nach abgebrühte Kriegsreporter gehört ebenso zur Risikogruppe wie der Lokaljournalist, dessen kleine Welt heil sein soll - und es nicht ist.

 

„Ich werde verfolgt von Erinnerungen an das Morden, an Leichen, … an verhungernde und verwundete Kinder … Der Schmerz des Lebens übersteigt die Freude in einem Maße, dass keine Freude mehr existiert", schreibt der südafrikanische Fotojournalisten Kevin Carter 1994 in seinem Abschiedsbrief. Nur wenige Wochen vor seinem Selbstmord erhieltder 33-jährige für das Foto (http://picturenet.co.za/photographers/kc/) eines sudanesischen Mädchens, auf dessen Hungertod bereits ein Geier lauert, den begehrten Pulitzer pis für Feature-Fotografie.

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Vom Trauma zur Tragödie? Für Mark Brayne vom Londoner Dart Centre fürJournalismus und Trauma (www.dartcenter.org) beweist der Fall einmal mehr, wie dringend in der Medienbranche eine emotionale Alphabetisierung Not tut. Journalisten, Kameraleute, Cutter und Techniker – sie alle sollten wissen, dass nicht nur Opfer von Gewalt, Naturkatastrophen und Unfällen traumatisiert werden können.

Ob man als Opfer direkt betroffen ist oder "nur" zuschaut, ob man als Journalist oder als Sanitäter zum Ort des Geschehensgerufen wird - übersteigen traumatische Eindrücke ein bestimmtes Maß, wollen Bilder, Töne oderGerüche nicht mehr weichen, kann dies zu einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTB) führen. Grundvertrauen, Selbstwahrnehmung, das gesamte Sinnkonzept eines Menschen – all das kann dabei ins Wanken geraten. Und schwerwiegende seelischen Erschütterungen lassen sich weder ignorieren noch in Alkohol ertränken, erläutert Christian Lüdke,Trauma-Psychologe aus Köln.

Doch sind Traumata im Journalismus unausweichlich? Immer schnellere Übertragungsmedien verlangen Journalisten rasche Reaktionen ab. Mehr und mehr Kanäle rangeln um möglichst unverbrauchte Bilder und brisante Details. Mitunter müssen Journalisten  ad hoc ethische Grundsatzentscheidungen treffen. Wie nah darf man ran an die Opfer? Wo werden persönliche Grenzen überschritten? Wie weit darf man gehen beim „Witwenschütteln“?

 

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Die BBC hat inzwischen ein Trauma-Training in ihre Journalistenausbildung integriert, um solche Entscheidungen vorzubereiten. Zusammen mit dem Londoner Dart Centre werden zukünftige Redakteure und Manager in Rollenspielen auf den emotionalen Ernstfall vorbereitet und über Traumata informiert.

Auch hier zu Lande erwacht das Interesse der Journalisten an diesem Thema. Der Einladung der Zentralen Fortbildung von ARD und ZDF (ZFP) zu der Kick Off Konferenz in Deutschland folgten 57 In- und Auslandsreporter. Fee Rojas, Organisatorin der Konferenz und selbst Journalistin und Therapeutin, war erfreut über die große Resonanz: „Das Jahr 2005 mit seinen großen Naturkatastrophen von Tsunami über Katrina bis Erdbeben Pakistan hat viele Reporter und auch manche Auslandschefs sensibilisiert.“

 

 „Ein Fußball-Reporter kennt die Spielregeln. Über seelische Verwundungen hingegen schreiben viele, die sich nie zuvor Gedanken darüber gemacht haben", kritisiert Mark Brayne in Hannover.

 

Sich nicht zu kümmern um die Funktionsweise des menschlichen Gehirns in traumatischen Situationen - für einen Journalisten unter Umständen ein folgenschweres Versäumnis. Weil ein 24-jährigerJournalist, der sich für die englische Tageszeitung Guardian in China aufhielt, ohne es zu bemerken, selbst traumatisiert war, hielt er einen prominenten chinesischen Dissidenten für tot. Eine Falschmeldung. Der Mann lebte.

Den Züricher Traumatherapueten Andreas Maercker überrascht so etwas nicht. Menschen, die traumatisiert sind, können Wahrnehmungsstörungenhaben, erklärt er. „Es ist eine biologische Schutzreaktion, dass das menschliche Gehirn bestimmte Eindrücke abblockt und andere verstärkt."

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„An schöne Dinge denken, sich Bewegung verschaffen, sich auch da noch wehren, wo es aussichtslos erscheint", dies ist seine Strategie, übertraumatische Eindrücke hinweg zu kommen, verrät der ehemalige Balkan-Korrespondent Pit Schnitzler. Schnitzler war während des Jugoslawien-Krieges mehrere Wochen inhaftiert. „Nicht unter rechtsstaatlichen Bedingungen", sagt er heute lakonisch.

 

„Öffentlichkeit herstellen, mit Leuten reden, den Job machen". Arnim Stauth, ehemals Afghanistan-Korrespondent des WDR, erinnert, wiederholt und verarbeitet Traumatisches am Schneidetisch. „Anders als der Kameramann hat der Reporter die Chance, seine Erlebnisse auchschreibend zu verarbeiten. Das hilft", sagt er.

 

„Schöne Bilder sind die besten Mittel, um Schreckliches zuverarbeiten", weiß auch Traumapsychologe Lüdke. Der Kölner hat nach der Tsunami-Katastrophe Rettungskräfte psychologisch betreut. Erempfiehlt Betroffenen, Narrativa zu erzeugen, schreckliche Ereignisse in Worte zu fassen und sich mit anderen auszutauschen.

 

Alptraum Trauma. „Im Gefängnis braucht man keine Spesen", wurde Stefan Pauli vom ZDF vorgerechnet, kaum dass er sich wieder in Sicherheit befand. Mitunter wird eine Traumatisierung von Reportern zu Hause noch verstärkt. Lebenspartner, die von der Zentralredaktion nicht informiert werden, weil formal kein Trauschein vorliegt. Telefongespräche aus Krisengebieten, die fühllos nach Schema F abgerechnet werden –  solche Vorfälle machen traumatisierten Kollegen mehr zu schaffen als anderen. Stauth hält es daher für wünschenswert, „dass nicht nur Reporter, sondern auch Führungskräfte nachgeschult werden in punkto Trauma".

 

Übertriebene Mitleidsbekundungen von Kollegen wirken allerdings floskelhaft und sind  kontraproduktiv, hat der Berliner Psychologieprofessor Norbert Gurris bei seiner Arbeit mit traumatisierten Feuerwehrleuten beobachtet.

"Sei es ein Verkehrsunfall oder ein Hausbrand – auch eine Regionalreporterin im friedlichen Ostwestfalen-Lippe kann mit Bildern und Erlebnissen konfrontiert werden, die eine Seele nicht immer schadlos übersteht", berichtet Claudia Fischer.

Die freie Journalistin aus Bielefeld befragte Lokaljournalisten und fand heraus, dass auch Inlandskollegen leicht in traumatische Situationen geraten. Ohnehin, das ergab Fischers Erhebung, sind es meist nicht die reißerischen Bilder - Blutlachen oder abgerissene Gliedmaßen - welchenachhaltig belasten. Der Schrecken im Alltag, die säuberlich zusammengestellten Hausschuhe einer Selbstmörderin etwa, so etwas belastet viele Kollegen mehr als das Bild der Leiche.

 

Wie hoch das Risiko ist, langfristig an einer posttraumatischen Belastungsstörung zu erkranken, hängt von der privaten und beruflichen Zufriedenheit ab, sagen Trauma-Experten. Grundsätzlich aber gilt, dass ungewöhnliche Ereignisse ungewöhnliche Reaktionen nach sich ziehendürfen.

"Nicht der Einzelne ist verrückt, sondern das Ereignis". So formuliert es der Züricher Trauma-Spezialist Maercker. Nach einem schrecklichen Ereignis ist also erst einmal jede Emotion erlaubt und "normal".

Journalisten, die häufig mit traumatischen Situationen zu tun haben, sollten allerdings versuchen, das Trauma da zu lassen, wo es entsteht.

„Negativ traumatische Eindrücke gehören nicht ins Privatleben, sondern in die Redaktion", erklärt der Berliner Psychologieprofessor Norbert Gurris. Das professionelle Aufspaltentraumatischer Erfahrung – Experten nennen es Dissoziieren – erfordert Übung.

Unter Umständen muss innerhalb der Redaktion die Gesprächskultur verändert und ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass traumatische Gefühle Raum brauchen, erläutert Gurris. Für den Anfang kann es auch sinnvoll sein, einen Kollegen – Gurris zufolge sollte dies möglichst ein Vorgesetzter sein - innerhalb der Redaktionbesonders zu schulen. Eine Art „Frühwarnsystem".

 

Journalisten müssen wissen, dass jede neuerliche Konfrontation mit einem Trauma – und dazu gehören auch journalistische Interviews – unausweichlich kleine Re-Traumatisierungen bedeuten. Damit solche Emotionen nicht aus dem Ruder laufen, empfehlen Trauma-Experten, die Bedingungen für den Interview-Ablauf genau abzuspchen. Wird einem traumatisierten Interviewpartner signalisiert, dass er - wie beim Zahnarzt - die Hand heben und das Gespräch unterbrechen darf, kann die Befragung für den Betroffenen durchaus heilsam sein. Immerhin verhelfen Journalisten traumatisierten Personen dazu, ihre Geschichte zu erzählen. Nach Gefühlen zu bohren und Traumatisierte zu verunsichern, ist allerdings tabu.

Und keinesfalls sollte der Journalist beim Interviewpartner Schuldgefühle erzeugen, um brisante Äußerungen zu provozieren.

Kenntnisse über Traumata und ein offener Erfahrungsaustausch können für Journalisten einen „wirksamen Schutz für Leib und Seele " abgeben, resümiert ZFP-Leiterin Ruth Blaes in Hannover und kündigt weitere Angebote zum Thema Trauma und Journalismus an.

 

Last but not least bleibt noch zu sagen, dass überstandene seelische Verwundungen sogar einen Zuwachs an Lebenserfahrung bedeuten können. Post-Traumatik-Growth nennen Trauma-Psychologen eine solche Persönlichkeitsentwicklung. Doch besser ist es, für den Ernstfallvorzubauen, bevor es brenzlig wird.

Who's at risk?, fragt Mark Brayne. Es lohnt sich darüber nachzudenken.

 

Maria Benning, Hannover

 

 


 




Moderation des Panels: Ulla Fröhling

Zu den ersten in Deutschland, die sich mit dem Thema "Trauma und Journalismus" auseinandergesetzt haben gehört die Autorin Ulla Fröhling, die 1996 das Buch "Vater unser in der Hölle" geschrieben hat.






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