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Trauma und Journalismus
Trauma kann anstecken
Konferenzbericht 27.1.2006
Berichte vom Trauma 16.-17.10.2006
Tipps für den journalistischen Umgang mit Opfern
 

Workshop zum journalistischen Umgang mit Menschen in extreme Belastungssituationen

Ein Erfahrungsbericht von Claudia Fischer und Petra Tabeling

 

Eigentlich stehen wir nur vor einer ganz normalen Bürotür. Wir wissen, dass wir uns in den Räumen der ZFP, der  Zentralen Fortbildungsstelle für Programmmitarbeiter von ARD und ZDF in Hannover befinden, und doch ist uns mulmig zumute. Denn

hinter der Tür erwartet uns folgendes Szenario: Nach einem Bombenanschlag in einem Fußballstadion laufen Opfer und Angehörige ziellos umher, es hat Verletzte und vielleicht sogar Tote gegeben. Unsere Aufgabe als Reporter mit Kamerateam: herauszufinden was passiert ist und mit den Opfern reden, in wenigen Stunden läuft die Sendung, bis dahin müssen wir die Informationen haben. Wir wissen nicht, wie es den Menschen, geht, die wir gleich sehen werden, wissen nicht, ob sie verletzt oder traumatisiert sind. Der Puls schlägt schneller, die Rolle der Opfer wird von Schauspielern übernommen, und dennoch: wohl ist uns nicht zumute.

 

Da ist der verzweifelte Vater, der seinen Sohn sucht und mit Selbstvorwürfen kämpft, ihn ganz alleine ins Stadion geschickt zu haben. Da ist der Sicherheitsbeamte, der sich eigentlich nicht von der Stelle rühren darf und zugibt, nicht richtig aufgepasst zu haben, wer das Stadion betritt. Eine Sanitäterin, selbst verletzt, steht offensichtlich unter Schock und will dennoch helfen. Eine junge Stadionbesucherin sitzt zusammengesunken auf einem Stuhl, starrt apathisch und zitternd auf den Boden und stammelt etwas von Männern mit Rucksäcken, die sie noch gesehen hatte, bevor es ohrenbetäubend knallte.

 

Wir stellen uns den unterschiedlichen Situationen so gut, wie es geht, versuchen, die eigene Aufgeregtheit nicht zu zeigen, sondern wollen ruhig mit der Person, die gerade etwas schreckliches erlebt hat, reden. Manchmal macht das, was wir hören, selbst betroffen, sogar hilflos. Die Schauspieler machen ihre Sache perfekt. Als die Übung beendet ist, sind wir nicht nur erleichtert, sondern auch neugierig, wie wir auf die Schauspieler gewirkt haben. 

 

Die Ergebnisse sind vielfältig: Je ruhiger die Stimme der Interviewerin, desto besser, manchmal wird sogar der Tontechniker zum Gesprächspartner, nur weil seine

Stimme fester klingt. Eine zaghaft aufgelegte Hand hätte eine Schauspielerin am liebsten abgeschüttelt, ein deutlicher Griff an die Schulter wirkt für den anderen hingegen wohltuend. Und auch, wenn sie aufgeregt hin und her laufen, eine klare

Ansage wie „Bitte setzen Sie sich erst einmal" gibt Orientierung und beruhigt.

 

Dies sind die Ergebnisse eines Rollenspiels bei einem Seminar zur Berichterstattung über traumatische Situationen im Oktober 2006 in Hannover. Neun Journalistinnen und Journalisten von ZDF, ARD und dem Schweizer Fernsehen hatten die Aufgabe,

mit diesen Schauspielern möglichst sendefähige Interviews zu führen. Auch wenn die Medien-Profis seit Jahren immer mal wieder in ihrer Berichterstattung mit traumatisierten Menschen zu tun hatten, kamen sie bei dieser Aufgabe auch an

Grenzen.

 

Eigene Unsicherheiten übertragen sich direkt auf die sowieso bereits desorientierten Augenzeugen. Der einfachste, menschliche Weg ist der beste: Ein Glas Wasser, ein Stuhl, eine Decke oder Jacke ist das, was die Menschen jetzt brauchen – dann sind durchaus auch Interviews möglich. Aber gehört es zur Aufgabe von Journalisten, zu helfen, und sei es nur mit einem Schluck Wasser? Und was tun, wenn wir uns „zu sehr" kümmern und unsere Berichterstattung aus den Augen

verlieren? Andererseits ist die Gefahr, eine dramatische Situation durch Unerfahrenheit zu verschlimmern, sehr groß. Um so wichtiger ist die Auseinandersetzung mit diesen Aspekten im Schonraum eines Seminars.

 

Die Journalistinnen und Journalisten müssen eine Position finden zwischen zwei Stressfaktoren: Dem natürlichen Skrupel „Was tue ich hier, die Leute brauchen jetzt etwas ganz anderes als mein Mikrofon!" und den Redaktionen, die möglichst schnell

und möglichst hautnah den Bericht vor Ort haben wollen. „Es ist eine wichtige Aufgabe, die Journalisten bei einer Katastrophe erfüllen. Nur wenn die Öffentlichkeit erfährt, dass ein Unglück geschehen ist, wird Hilfsbereitschaft aktiviert", betont

Seminarleiter Mark Brayne vom Dart Center in London immer wieder. Und ZFP-Trainerin Fee Rojas klärt die Teilnehmer über die schmale Grenze zwischen hilfreicher Empathie und oft grenzüberschreitender, journalistisch häufig

unprofessioneller Sympathie auf.

 

Die Verantwortung für die traumatisierten Menschen hört mit dem Ende des Interviews nicht auf.

Welchen O-Ton darf man senden? Hat die Interviewpartnerin

wirklich wahrgenommen, dass die Kamera lief? Sind die Beobachtungen eines traumatisierten Menschen wirklich glaubwürdig, oder finden extreme Wahrnehmungsverzerrungen statt? Die Einschätzungen der Medien-Profis im

Seminar gehen oft weit auseinander. 

 

Bislang gab es für Journalistinnen und Journalisten in der Inlands-Berichterstattung von ARD und ZDF kaum Hilfestellung bei Interviews in extremen Belastungssituationen. Wer ins Ausland geht, wird vorher zum Bundeswehr-Training

nach Hammelburg geschickt. Bei Unfällen, Explosionen oder Überschwemmungen, beim Bahnunglück in Eschede, einem Amoklauf in einer Erfurter oder Emsdettener

Schule oder dem Turnhallen-Einsturz in Bad Reichenhall wurden die Reporterinnen und Reporter ohne Vorbereitung eingesetzt. „Learning by Doing" – das kann für die Betroffenen einer Katastrophe genauso wie für die eingesetzten Reporterinnen oder Kameraleute gefährlich sein. Ein Teilnehmer, selbst leitender Redakteur, formulierte es so: „Die Chefebene muss verstehen, dass das wirklich ein Problem für unsere

Mitarbeiter ist, und keine Gefühlsduselei".

 

Ein Workshop, wie er jetzt in Hannover stattfand, kann dabei helfen einen „gesunden Journalismus" zu trainieren.

 

 

Ein Bericht über den Workshop "Berichte vom Trauma", wie Mark Brayne und ich ihn im Auftrag des WDR in Düsseldorf im Mai 2007 veranstaltet haben, können Sie hier nachlesen. Der Artikel ist in der WDR Zeitung Fünkchen im August 2007 erschienen.


 




Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 2.12.06

Ein Artikel über das Seminar aus der HAZ

Die Homepage von Mark Brayne

Die Homepage des Mitinitiators dieses Trainings - englischsprachig!

Dart Centre Seminar

Notizen von einem Seminarbesuch im Juni 2005 in London. Autorin: Claudia Fischer






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